By Callie Starn

Dieses Semester belege ich einen Kinderliteraturkurs, in dem wir verschiedene Literaturtheorien über Kinderbücher anwenden. Diese Woche besprechen wir das Narratologiekonzept von Dorrit Cohn, das sie in Transparent Minds: Narrative Modes for Presenting Consciousness in Fiction präsentiert. Wir haben ihr Konzept auf englischsprachige Bücher angewandt, aber, um der Autorins österreichischen Herkunft treu zu bleiben, wollte ich ihr Konzept auf deutschsprachige Märchen anwenden, insbesondere das Märchen der Gebrüder Grimm, Der Meisterdieb.

Dorrit Cohns Narratologiekonzept beschreibt drei verschiedene Arten von Erzählungen: quoted-monologue, narrated-monologue und psycho-narration. Bei der ersten Art, quoted-monologue, findet man, was man erwartet. Meistens ist es ein zitierter Satz von einer Figur , aber es muss nicht immer in Anführungszeichen sein, um quoted-monologue zu sein. Am wichtigsten spricht die Figur für sich und benutzt “ich”. Dorrit Cohn gibt ein Beispiel: “Bin ich spät?” (Cohn, 105) Hier gibt es eine klare Grenze zwischen der Figur und den Gedanken und Meinungen des Erzählers. Ein gutes Beispiel davon in Dem Meisterdieb ist das folgende:

“Nein,” antwortete der Bauer; “ich habe freilich einen Sohn gehabt,” setzte er hinzu, “aber der ist schon seit langer Zeit in die weite Welt gegangen. Es war ein ungeratener Junge, klug und verschlagen, aber er wollte nichts lernen und machte lauter böse Streiche; zuletzt lief er mir fort, und seitdem habe ich nichts von ihm gehört.” (Grimm, 1)

Narrated-monologue unterscheidet sich indem, dass man “er/sie/es” statt “ich” benutzt. In diesem Fall gibt Cohn das Beispiel: “War er spät?” (Cohn, 105). Die Beziehung zwischen dem Erzähler und der Figur wird komplizierter. Glaubt der Erzähler, dass die Figur spät ist, oder glaubt die Figur das? Wenn narrated-monologue benutzt wird, muss der Leser anfangen zu fragen, was eigentlich passiert. Eine weitere Methode narrated-monologue zu identifizieren besteht darin, sich vorzustellen, dass die Figur das Zitierte gesagt hätte. In Dem Meisterdieb z.B., als der Meisterdieb versucht, ein Pferd zu stehlen, sagt der Erzähler, “Aber was sollte er mit dem, der [der Soldat] auf dem Rücken des Pferdes saß, anfangen?” Die Verwendung von narrated-monologue statt quoted-monologue kann die Eigenschaften des Meisterdiebs ändern. Es kann sein, der Erzähler ist von dem Meisterdiebs Einfallsreichtum vollkommen beeindruckt, weil der Erzähler dachte, es war unmöglich, das Pferd zu stehlen. Oder vielleicht in der Realität fragt sich der Meisterdieb, ‘was soll ich nun tun’, und er erfindet den Rest frei.

Die letzte Art der Erzählung, psycho-narration, ist narrated-monologue ähnlich, indem es auch “er/sie”es” statt “ich” benutzt, aber in diesem Fall herrscht eher der Erzähler. Cohn gibt das folgende Beispiel: “Er wundert, ob er spät war” (Cohn, 105). Diese Art wurde mir als ein Film beschrieben, in dem die Figuren den Erzähler hören können, aber sie sind nicht mit ihm einig, oder sie sind von der Erzählers Darstellung überrascht. Wenn wir das quoted-monologue Beispiel wieder betrachten, kann es sich einfach in ein psycho-monologue verwandeln. Wenn man “ich” von dem Zitat weglässt, hat man dann:

[Er hat] freilich einen Sohn gehabt, aber der ist schon seit langer Zeit in die weite Welt gegangen. Es war ein ungeratener Junge, klug und verschlagen, aber er wollte nichts lernen und machte lauter böse Streiche; zuletzt lief er mir fort, und seitdem [hat er] nichts von ihm gehört. (Grimm, 1)

Hier kam der Erzähler richtig in den Kopf der Figur hinein. Er schreibt vor, was der Bauer über seinen Sohn denkt, und die Erzählung könnte deswegen treu oder untreu sein.

Cohns Konzepte könnten wohl mit der deutschen Sprache expandiert, weil sie manche grammatikalischen Strukturen häufiger als English benutzt. Wenn ein Autor avant garde schreiben möchte, könnte er indirekte Rede benutzen. Obwohl die indirekte Rede meistens nur im journalistischen Gebiet benutzt wird, würde sie als eine Art der Erzählung eine echt interessante Perspektive bilden. Diese Art würde andeuten, dass der Erzähler Information direct von der Figur bekam. Aber dann muss der Leser sich fragen, warum der Erzähler Konjunktiv I statt eines Zitats wählt, um die Geschichte zu vermitteln. Das Verwenden der indirekten Rede würde neue Komplikationen in die Beziehung zwischen der Figur und dem Erzähler einführen, was nur auf Deutsch möglich wäre.

Werks Schitted
Grimm, Jacob, and Wilhelm Grimm. “Der Meisterdieb.”Grimmstories.com. N.p., n.d.                  Web. 19 Oct. 2016.

Cohn, Dorrit. Transparent Minds: Narrative Modes for Presenting Consciousness in       Fiction. Princeton, NJ: Princeton UP, 1978. Print.